„Jetzt mal ruhig, Sucujua, was ist passiert?“
„Das Kind meiner Schwester ist gestorben.“
„Das ist ja schrecklich.Wie alt ist das Kind?“
„1 ½ Jahre.“
„Dann musst du jetzt nach Hause gehen.“
„Aber das Kind ist im Spital in Metangula, und alle sind dort. Es gibt ein riesiges Problem!“
„Was ist das Problem?“
„Meine Schwester wohnt doch in Mchepa, und drum muss das Kind dort morgen früh begraben werden.“
„Dann soll die Ambulanz das Kind und die Familie nach Mchepa fahren.“
„Sie sagen, alle Ambulanzen seien in Lichinga.“
Mir schwant Fürchterliches, als ich die Ärztin anrufe:
„Senhora Dottora, was ist da los? Da steht todsicher eine Ambulanz rum!“
„Desculpa, Dona Maya, wir haben strikte Order von Lichinga, dass keine Verstorbenen mehr von uns transportiert werden dürfen.“
„Also, faz favor, Dottora, was sollen die Leute denn machen?“
„Die müssen ihre Toten halt selber nach Hause tragen oder mit dem Kanu oder so.“
Nach fünf Minuten bin ich mit Sucujua und ihrem Vater auf dem Weg. 15 Kilometer durch den stockdunklen Wald und Polo Hofer singt ganz leise und nur für mich hörbar irgendetwas vom pauv’ ’ti nèg’…...
Vor der Casa Mortuaria etwa 25 Leute, die alle losheulen, als wir ankommen. Ich warte mal und rauche eine Zigarette und frag dann, wo das Kind ist. „Da drin“. Da drin liegt ganz allein auf einer Betonbank ein kleines Bündel, eingewickelt in ein dreckiges dunkelweisses Frottetuch. Ich rufe den Mann von der Nachtschicht, dass er es rausträgt und öffne alle Wagentüren. Die Familie ist gross. Am Ende sind wir 12 Leute plus das tote Kind.
Als wir losfahren geht das Wehgeschrei wieder los, bis Sucujuas’ Vater ein offensichtliches Machtwort brüllt und alle in Schweigen versinken. Eine Stunde durch den stockdunklen Wald in einem Bachbett von Strasse und Totenstille im Wagen ausser der Anhängervorrichtung, die bei jedem Loch aufschlägt und ganz leise und nur für mich hörbar Polo Hofer….muesch’s näh, wiä’s chunnt im letschte Tram … i so’re schpäte Schtund… und tief drin eine unsägliche Trauer über das erbärmliche Leben und Sterben unserer Leute im Busch am See und eine grenzenlose Wut auf die „Frelimo olé“ da oben in Lichinga und da unten in Maputo.


