Freitag, 25. April 2008


Ein gewöhnlicher Sonntagmorgen

Als ich um 7 Uhr aufwachte, wars verdächtig ruhig, und ich brauchte eine Weile um den Gund dafür herauszufinden: Es war der See – spiegelglatt zum ersten Mal seit 5 Surfwellenwochen. Also raus aus dem Zelt und mit dem Kayak los auf die Suche nach dem Palaba Riff. Erst mal nördlich bis über Manussa’s Haus hinaus und dann in der Mitte zwischen zwei markanten Felsen gerade rauspaddeln, bis sich in der Ferne der Abhang vom Berg hinter Metangula mit unserer Hügellinie trifft. Und was hat’s da? Überhaupt nichts!


Zum Glück war schon (oder noch) ein einsamer Fischer draussen, der mir zu Hilfe kam und mich zum Palaba manövrierte, als wenn’s Wegweiser hätte. Er hat auch präzis den weissen Felsen gefunden, der eigentlich Palaba heisst (weiss noch nicht, was es bedeutet). Da gibt’s „Chindongo kwambili“ – viele, viele bunte Fischlein, die eben nur nördlich von Metangula „Mbuna“ heissen, bei uns jedoch Chindongo. Ist auch schön: Chindongo Retreat.


Mein Fischerfreund hat mit seinem Steinlot 2-2 ½ m bis zu den Felsen runter gemessen. Das bedeutet für die Trockenzeit noch eine Tiefe von etwa einem Meter. Den Seeboden konnte ich nicht sehen. Blöd, dass man beim Kayak nicht aus- und wieder einsteigen kann – jedenfalls ich nicht. So bin ich dann zurückgerudert, hab Flossen und Schnorchel montiert und noch eine halbe Stunde unsere Chindongos verfolgt. Scheint eine Jahreszeit zu sein, wo viele Arten recht gross sind.


Als ich mit Müesli und Kaffee und der Lektüre von Abida’s Umweltstudie zu unserem Retreat fertig war, war’s schon fast Mittag. Allein am See an einem ganz gewöhnlichen Sonntagmorgen.

Donnerstag, 24. April 2008

Die Schuleröffnung


A Educaçao continua!

Hurra, die neue Schule ist eröffnet! Freitag, 28. März. Es war ein riesen Fest mit entsprechenden Vorbereitungen. Wir hatten 2 Kommitees gebildet: Eins für die Organisation des Festaktes und eins für die Verpflegung der ganzen Bevölkerung auf dem Fussballplatz. Das sei gar kein Problem, hat der Frelimo Secretario gemeint, ich soll einfach den Food herbeikarren und dann alles ihnen überlassen.
Noch am Vortag wurde an der Schullatrine gearbeitet, die Umgebung aufgeräumt und nach 2 Versuchen waren auch die 3 Tafeln für Eröffnung, Volontäre und Spender fertig. Waren noch feucht vom Lack, als sie am Freitag morgen aufgehängt wurden, und es ist nur noch ein Fehler drauf!


Die Ehrengäste wurden auf dem Dorfplatz mit Gesang und Tänzen empfangen. Es kamen u.a. der Distrikt Administrator, der Erziehungsdirektor, Leute von verschiedensten Ämtern und sogar Manussa, der Tourismusdirektor von Niassa, und der hat noch einen Experten von Obras Publicas mitgebracht, der die Schule vorgängig inspiziert und erklärt hat, sie sei eine der besten in der ganzen Provinz! Selten habe er so grosse, helle Räume und so solide Bänke und Tische gesehen.

Dann gings zu den Ehrentischen auf der Schulveranda – am Schatten - das Volk an der Sonne, und dann wurde die Nationalhymne gesungen und Reden wurden geschwungen über das Glück von Nkholongue und wie Maya jetzt fortan ihren Reichtum über das Dorf ausschütten wird!? Spital, Maismühle, ein paar Brunnen und ein Shuttle-Bus sowie Shuttle-Boot nach Metangula sind nur einige der bescheidenen ausstehenden Projekte. (Die können uns mal filmen!)
Die darauffolgenden Tänze einer Frauen-, einer Männer- und einer Schülergruppe mit 2 Trommlern aus Nkholokholo waren wirklich überraschend. Weiss gar nicht, woher die das können. Schon wieder etwas zur Unterhaltung unserer zukünftigen Gäste. Zum Glück war Thomas gerade für eine Woche hier und konnte alles filmisch festhalten.



Das Essen für die Ehrengäste war bei uns unter dem Mangobaum. Quedmon und Rosa hatten Reis, Chima, Gemüse und Salat vorbereitet und ich hatte am Vortag Päcklischoggimousse und 2 Kuchen aus Fertigmischung herbeigezaubert, dazu 5 Büchsen Fruchtsalat. Ali brutzelte 10 Güggeli und 20 Beefwürste auf einem improvisierten Grill bei den Staffquarters. „Machsch dänn gnueg!“, hatte Thomas mit seiner Einladungserfahrung schon eine Woche lang ständig wiederholt. Anyway, etwa 20 waren eingeladen, etwa 30 kamen, und von denen hatte die Hälfte noch einen Plastiksack unter dem Tisch, in welchen frischfröhlich reingeschaufelt wurde. Geschirr hatten wir zuwenig, Besteck zuviel (brauchts ja nicht), aber am Schluss waren alle happy, vor allem der Chief, der noch mit einem Sack voller Reste für seine Frau von dannen zog.
Die Hauptprobe ist also geglückt, hat aber viel Nerven gebraucht. Jetzt freut sich schon das ganze Dorf auf unsere Eröffnung im Juli, weil dann der Governor und noch ganz andere Kaliber antraben werden.

An dieser Stelle nochmals ganz herzlichen Dank allen Spendern für die Schule. Sie ist um einiges teurer geworden, als ich als Laiin berechnet hatte, aber dank eurer Grosszügigkeit häts grad g’langet!

Sonntag, 6. April 2008

ein kleiner Rückblick zum geniessen ;-)

Monat 3: August 07 Scho so lang – wiä nöd wohr!

Latrine fertig super Englisch unter grösseren Baum verlegt wegen Schatten und erste Alphabethisierung abgeschlossen und Willard sagt sie könnens jetzt und mit Velo zum Chief und Kleider gebracht er will schwarz wie damals in Zambia und seinen Strand hab ich mir unter den Nagel gerissen gegen Zement und Bricks und Mama Jussuf sieht schlecht aus also ins Spital und zurück mit 10 Leuten und Mehlsäcken verdammt dä Charä goht sooo kabutt aber der Traktorfahrer vom Distrikt ist sooo korrupt und das mache mer nööd und effektiv ein kleines Krokodil und eine grosse schwarze Mamba do goosch in Chäller do bisch eifach sooo tod läck doch mir und das Dorfkommitee will Uhren und T-Shirts und seit unserer Ankunft noch kein Schiff auf dem See und kein Flugzeug am Himmel wo simmer eigentlech aber das Kreuz des Südens ist genial und die Milchstrasse noch nie soviele Sterne gesehen und jetzt sind wir hier und Ueli’s Wassersystem funktioniert prächtig und die Hotdogs auch und in der Dusche haben wir eine Prachtaussicht auf den See und die Solar-Elektroanlage wartet noch auf die Installierung dafür haben wir 10'800 Ziegel gebrannt und dazu ein Loch in Swimmingpoolgrösse ausgebuddelt und Mama Jussuf hat Decken und Essen bekommen weil es so verdammt kalt ist in der Nacht und sie reden schon jetzt vom Hunger Herrgot wiä chunnt das no use dafür gibt’s jetzt zwei Lädeli im Dorf und Alston verkauft Paraffin für die Lampen und mit den Ameisen ist jetzt Sense mit Pazifismus und mit Anhänger kann man easy eine ganze Fussballmannschaft samt Fans nach Meluluka transportieren dafür warten wir mit der Landverschreibung bis seine Exzellenz der Governer aus den Schtaaaten zurück ist aber Thomas findet wir sollten die Bungalows nicht in einer Reihe dem Strand entlang platzieren sondern mehr dem Busch angepasst und Fazir der Nachtwächter hat die ganze Nacht gehustet und ich konnte ihn nicht wachkriegen zum Sirupeinflössen dä Siäch chäckets sooo nöd und es ist unglaublich was Lucia auf dem Kopf tragen kann und Quedmon hat den Rest vom Dachplastik mitgenommen zum Draufknien in der Moschee und Willard der Englischlehrer hat jetzt seine Frau gekauft aber Haareföhnen haben sie noch nie gesehen dafür ist Hudson’s Schwiegervater an Schwarzer Magie gestorben nachdem ein anderer an seiner Magie gestorben ist und dann in Lichinga ein Grosseinkauf mit einem Anhänger voll Gemüse Gasflaschen Zement Ersatzbenzin Werkzeug Motorsäge .... 120km hin und 120km zurück und Footballtime mit Jonathan und Ueli erstes Training und d Giälä sind total begeischteret und Rosa und Sucujua wollen Seife aber Alston bleibt knallhart und den Strand imNorden des Dorfes will jetzt ein Portugiese ausgerechnet was immer er bietet wir bieten mehr ---- Here we are and here we’ll stay!

Eignungstest für Utukulu

Hab zur Abwechslung wieder mal die Lehrerin gespielt und unsere Dorfelite geprüft für einen möglichen Eintritt in Utukulu in Lichinga. Das ist eine von Norwegen finanzierte Ausbildungsstätte für Maurer, Schreiner und Farmer. Ein wirklich gutes Projekt, wunderschön im Grünen gelegen mit Werkstätten, Ländereien und vielen Tieren. Die Ausbildung dauert 18 Monate und ist vollständig gratis, inklusive Unterkunft, Verpflegung und alles Schulmaterial. Um Frauen zu encouragieren, kann man sogar die Kinder mitbringen – kleine mittragen, weil die ja permanent nuckeln müssen* und grössere in der schuleigenen Krippe abgeben.
Im April fangen die neuen Kurse für Landwirtschaft und Tierzucht an. Jetzt hatte mein Freund Senhor Juma von Agro-Utukulu die geniale Idee 4 Testserien nach Nkholongue zu bringen, weil er gerade Kaffee- (Arabica), Guava- und Mirabellenbäume eintauschen kam gegen schöne Steine von unserem Strand. Nun ist das aber gar nicht einfach, in unserem Dorf 4 Leute zwischen 18 und 35 Jahren zu finden, die einigermassen Portugiesisch lesen und schreiben und dazu noch 380 : 0,1 rechnen können. Nicht zu reden von der kniffligen Frage nach der eigenen Kinderzahl und dann erst noch deren Namen.
Gut, wir hatten 8 Anwärter und eine –in und mussten zwecks Eruierung der 4 Besten in unserem Headquarter einen Vortest durchführen. Das ging genau so los:

- Was muss man bei Nummer 1 machen?
- 5 portugiesische Sätze!
- Und dann?
- Hinschreiben!
- Ich?
- Ja!
- Wo nehm ich die Sätze her?
- Aus dem Kopf!
- Und dann?
- Eben, hinschreiben.
- Wo?
- Auf die vorgesehenen Linien.
- Warum hat es 5 Nummern und Linien?
- Eben, für einen Satz pro Nummer!
- Warum hat es dann jeweils 2 Linien?????

Issufo und Azido haben permanent alles laut vor sich hingesagt (haben noch nie etwas still für sich gelesen) und Maria’s Kleiner hat genuckelt und in die Hosen gemacht.
Das Resultat war deprimierend. Man kann hier effektiv 6 oder 7 Jahre zur Schule gehen ohne lesen und schreiben zu lernen – von rechnen gar nicht zu reden.
Dennoch haben wir die 4 Besten erkoren und für den wirklichen Test am Nachmittag aufgeboten. Sie haben ihn zwei Stunden lang ausgefüllt, und morgen bring ich die Bögen zu Utukulu in Lichinga zum korrigieren. Es wär halt doch schön, wenn sie einem die Chance gäben – vielleicht Maria. Ihr Mann hätte ja sicher noch eine oder zwei Frauen übrig, wenn sie weggehen würde.


* zum Nuckeln: In der Schweiz wäre dieses System natürlich nicht möglich wegen der Ablenkungsgefahr. Unsere Männer würden dann immer auch nuckeln wollen – isch doch so, oder?
Also, hier nuckeln die Kinder fast ununterbrochen, Tag und Nacht, und weinen drum nicht. Afrikanische Kinder weinen nicht!
Ist schon interessant, wenn man sich den Stress der Eltern in der zivielisierten Welt vor Augen führt bezüglich wann stillen, wie oft, wie lange, strikt nach Zeitplan oder ad libitum. Und dann erst in der Nacht. Waas i dä Nacht! Grad abgwöhne!
Schade, dass unsere Männer diesen Nuckelzwang haben. (Sött mer mol abgwöhne) Sonst könnten unsere Frauen die Kinder auch rumbinden und mit zur Arbeit nehmen oder der Karriere nachgehen. Und die Kleinen könnten nuckeln und würden obendrein nicht mehr heulen .... aber äbe!
Vorschlag für Bébétragetuchumbindekursabsolventinnen: Für zufriedene Kinder unbedingt Nuckeln ad libitum einführen und dabei über Leichen gehen (Kollegen- und Geschäftsleiterleichen). Dazu fleissig an der Sonne sitzen und bräunen für das richtige Afro-Feeling. Weil: In punkto Säuglingserziehung sind die hier in Afrika so weit hintennach, dass sie uns schon wieder überholt haben!

Unser Chief

Damit er endlich Ruhe gibt, bauen wir dem Chief jetzt ein neues Haus, vorgesehen weit ausserhalb vom Dorf, wo seine Hütte steht und er seine kleine machamba (Garten) hat. Um nichts falsch zu machen, habe ich eine Versammlung mit ein paar Dorfälteren, unter anderem dem Chiefthronfolger und dessen Thronfolger, einberufen, um sie zu informieren. Da sind die Fetzen geflogen! Der Chief gehört ins Dorf zu den Leuten, damit er die Kontrolle hat und den Kontakt, und wir bringen ihm dann schon zu essen und überhaupt ...!

Jetzt ist aber allgemein bekannt, dass der Chief und sein jüngerer Bruder/Nachfolger aufs Ärgste zerstritten sind. Warum wollen sie ihn dann in der Nähe haben? Anyway, ich hab dann gesagt, dass wir am Montag anfangen zu bauen, und der Chief uns bis Sonntag abend mitteilen soll, wo.

Jetzt war er hier, hat sich für seinen bisherigen Standort entschieden und das Rätsel gelöst: Das Haus des Chiefs gehört jeweils dem acting Chief und ist somit nicht vererbbar innerhalb der Familie. Jetzt wollen seine Nachfolger nach seinem Tod natürlich nicht im Gjät draussen wohnen, und wollen drum das Haus im Dorf. Damit sie wieder versuchen können, ihn umzubringen wie auch schon, meint er und erzählt wild gestikulierend, wie letztes Jahr der Sohn seines Bruders ( dä Luciano, dä Siäch!) nachts reingeschlichen ist und schon das Messer erhoben hatte und seine Frau geschrien und sich dazwischengeworfen hat und Nachbarn gekommen sind und den Verbrecher gestellt und nach Metangula zur Polizei gebracht haben, und wie die gesagt haben, wenn er das nochmals macht, sperren sie ihn 10 Jahre ein, und das ist wahr, und das ganze Dorf weiss es, und ich kann bei der Schuleinweihung den Distriktadministrator fragen, jawoll!

Hudson kann vor Entsetzen kaum mehr übersetzen, und ich schlag dem Chief vor, dass wir dann jeweils unsere Gäste zu ihm schicken und er ihnen unter dem Mangobaum diese Geschichte und viele andere aus seinem Leben erzählen kann, von seiner Jugend und den Portugiesen und den Gefangenenlagern in Niassa und den vielen Jahren im Exil in Zambia. Vielleicht kommt mal einer, der’s aufschreibt.

Für den langen Heimweg offeriere ich ihm noch ein Glas Wasser. Aber er lacht nur: Wenn man 2 Tage nichts gegessen hat, tut kaltes Wasser furchtbar weh im Magen. Also nächstes mal Tee - man lernt nie aus!

 
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