Sonntag, 6. April 2008

Eignungstest für Utukulu

Hab zur Abwechslung wieder mal die Lehrerin gespielt und unsere Dorfelite geprüft für einen möglichen Eintritt in Utukulu in Lichinga. Das ist eine von Norwegen finanzierte Ausbildungsstätte für Maurer, Schreiner und Farmer. Ein wirklich gutes Projekt, wunderschön im Grünen gelegen mit Werkstätten, Ländereien und vielen Tieren. Die Ausbildung dauert 18 Monate und ist vollständig gratis, inklusive Unterkunft, Verpflegung und alles Schulmaterial. Um Frauen zu encouragieren, kann man sogar die Kinder mitbringen – kleine mittragen, weil die ja permanent nuckeln müssen* und grössere in der schuleigenen Krippe abgeben.
Im April fangen die neuen Kurse für Landwirtschaft und Tierzucht an. Jetzt hatte mein Freund Senhor Juma von Agro-Utukulu die geniale Idee 4 Testserien nach Nkholongue zu bringen, weil er gerade Kaffee- (Arabica), Guava- und Mirabellenbäume eintauschen kam gegen schöne Steine von unserem Strand. Nun ist das aber gar nicht einfach, in unserem Dorf 4 Leute zwischen 18 und 35 Jahren zu finden, die einigermassen Portugiesisch lesen und schreiben und dazu noch 380 : 0,1 rechnen können. Nicht zu reden von der kniffligen Frage nach der eigenen Kinderzahl und dann erst noch deren Namen.
Gut, wir hatten 8 Anwärter und eine –in und mussten zwecks Eruierung der 4 Besten in unserem Headquarter einen Vortest durchführen. Das ging genau so los:

- Was muss man bei Nummer 1 machen?
- 5 portugiesische Sätze!
- Und dann?
- Hinschreiben!
- Ich?
- Ja!
- Wo nehm ich die Sätze her?
- Aus dem Kopf!
- Und dann?
- Eben, hinschreiben.
- Wo?
- Auf die vorgesehenen Linien.
- Warum hat es 5 Nummern und Linien?
- Eben, für einen Satz pro Nummer!
- Warum hat es dann jeweils 2 Linien?????

Issufo und Azido haben permanent alles laut vor sich hingesagt (haben noch nie etwas still für sich gelesen) und Maria’s Kleiner hat genuckelt und in die Hosen gemacht.
Das Resultat war deprimierend. Man kann hier effektiv 6 oder 7 Jahre zur Schule gehen ohne lesen und schreiben zu lernen – von rechnen gar nicht zu reden.
Dennoch haben wir die 4 Besten erkoren und für den wirklichen Test am Nachmittag aufgeboten. Sie haben ihn zwei Stunden lang ausgefüllt, und morgen bring ich die Bögen zu Utukulu in Lichinga zum korrigieren. Es wär halt doch schön, wenn sie einem die Chance gäben – vielleicht Maria. Ihr Mann hätte ja sicher noch eine oder zwei Frauen übrig, wenn sie weggehen würde.


* zum Nuckeln: In der Schweiz wäre dieses System natürlich nicht möglich wegen der Ablenkungsgefahr. Unsere Männer würden dann immer auch nuckeln wollen – isch doch so, oder?
Also, hier nuckeln die Kinder fast ununterbrochen, Tag und Nacht, und weinen drum nicht. Afrikanische Kinder weinen nicht!
Ist schon interessant, wenn man sich den Stress der Eltern in der zivielisierten Welt vor Augen führt bezüglich wann stillen, wie oft, wie lange, strikt nach Zeitplan oder ad libitum. Und dann erst in der Nacht. Waas i dä Nacht! Grad abgwöhne!
Schade, dass unsere Männer diesen Nuckelzwang haben. (Sött mer mol abgwöhne) Sonst könnten unsere Frauen die Kinder auch rumbinden und mit zur Arbeit nehmen oder der Karriere nachgehen. Und die Kleinen könnten nuckeln und würden obendrein nicht mehr heulen .... aber äbe!
Vorschlag für Bébétragetuchumbindekursabsolventinnen: Für zufriedene Kinder unbedingt Nuckeln ad libitum einführen und dabei über Leichen gehen (Kollegen- und Geschäftsleiterleichen). Dazu fleissig an der Sonne sitzen und bräunen für das richtige Afro-Feeling. Weil: In punkto Säuglingserziehung sind die hier in Afrika so weit hintennach, dass sie uns schon wieder überholt haben!

 
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