Mittwoch, 25. März 2009

"im letschde Tram"



Unsere Gäste Habib aus Lichinga und seine Frau und sein kleiner Sohn Sofian („Bruder von Muhammad!“) sind gerade am vegetarischen Abandessen, als bei mir in der Küche das Handy läutet und ein unbekannter Mann nach Sucujua verlangt. Nach kurzem Hinhören wirft sich diese auf den Boden und bricht in herzerreissendes Schluchzen aus. Nach einer Weile sag ich
„Jetzt mal ruhig, Sucujua, was ist passiert?“
„Das Kind meiner Schwester ist gestorben.“
„Das ist ja schrecklich.Wie alt ist das Kind?“
„1 ½ Jahre.“
„Dann musst du jetzt nach Hause gehen.“
„Aber das Kind ist im Spital in Metangula, und alle sind dort. Es gibt ein riesiges Problem!“
„Was ist das Problem?“
„Meine Schwester wohnt doch in Mchepa, und drum muss das Kind dort morgen früh begraben werden.“
„Dann soll die Ambulanz das Kind und die Familie nach Mchepa fahren.“
„Sie sagen, alle Ambulanzen seien in Lichinga.“



Mir schwant Fürchterliches, als ich die Ärztin anrufe:
„Senhora Dottora, was ist da los? Da steht todsicher eine Ambulanz rum!“
„Desculpa, Dona Maya, wir haben strikte Order von Lichinga, dass keine Verstorbenen mehr von uns transportiert werden dürfen.“
„Also, faz favor, Dottora, was sollen die Leute denn machen?“
„Die müssen ihre Toten halt selber nach Hause tragen oder mit dem Kanu oder so.“

Nach fünf Minuten bin ich mit Sucujua und ihrem Vater auf dem Weg. 15 Kilometer durch den stockdunklen Wald und Polo Hofer singt ganz leise und nur für mich hörbar irgendetwas vom pauv’ ’ti nèg’…...

Vor der Casa Mortuaria etwa 25 Leute, die alle losheulen, als wir ankommen. Ich warte mal und rauche eine Zigarette und frag dann, wo das Kind ist. „Da drin“. Da drin liegt ganz allein auf einer Betonbank ein kleines Bündel, eingewickelt in ein dreckiges dunkelweisses Frottetuch. Ich rufe den Mann von der Nachtschicht, dass er es rausträgt und öffne alle Wagentüren. Die Familie ist gross. Am Ende sind wir 12 Leute plus das tote Kind.



Als wir losfahren geht das Wehgeschrei wieder los, bis Sucujuas’ Vater ein offensichtliches Machtwort brüllt und alle in Schweigen versinken. Eine Stunde durch den stockdunklen Wald in einem Bachbett von Strasse und Totenstille im Wagen ausser der Anhängervorrichtung, die bei jedem Loch aufschlägt und ganz leise und nur für mich hörbar Polo Hofer….muesch’s näh, wiä’s chunnt im letschte Tram … i so’re schpäte Schtund… und tief drin eine unsägliche Trauer über das erbärmliche Leben und Sterben unserer Leute im Busch am See und eine grenzenlose Wut auf die „Frelimo olé“ da oben in Lichinga und da unten in Maputo.

Der Alltag im Resort



Ishmael pflückt im Garten Kürbisblätter als Spinat für meinen Zmittag.



Agostinho und Carimo versuchen, der Maracujà-Schwemme Herr zu werden, indem sie literweise Sirup einkochen. (Passionsfrucht)

Rosa und Sucujua haben am Strand 40 Meter weisses Tuch ausgelegt und falten es ehrfürchtig zusammen. Schliesslich ist es zum Einwickeln von Leichen gedacht und ist ein Geschenk von unserem „I love Islam“ Freund Habib aus Lichinga, damit die Toten nicht mehr in alten Lumpen vergraben werden müssen. „Um bocadinho de dignidade“

Antonio und Jussufu stehen auf dem obersten Brett des Wasserturms und versuchen den Riss im Tank zu flicken.

Ali sitzt mit seiner Frau auf meiner Verandah und wartet, bis ihre Tochter das Güetzi und die Banane fertig gegessen hat für den zweiten Medi-Versuch. Sie hat Fieber und erbricht alles. In dem Fall eben auch die Medis.

Bota schmirgelt und lackiert versuchsweise eine Verandaplanke am Hauptgebäude zum Schauen, ob sich die Investition in 20 Liter Lack lohnt.

Joana füttert mit Gifti Guschti und Gertrud.



Billy kommt mit seiner Farmmannschaft aus dem Dorf zurü ck, jeder einen Kübel mit Kuh- und Geissenmist auf der Schulter – organic farming, äbe.

Zeinabu und Muanafu schwenken Mückennetze im See, weil sie so verchruglet angekommen sind – die Mückennetze.

Azido lehnt an einem Pfosten, lafert herum und schaut zu, wie die andern arbeiten.

James schnitzt eine grosse „Welcome to Mbuna Bay“-Eingangstafel. Dritter Anlauf, jetzt schon ganz ohne Fehler.

Jito zieht mit 400 Meticais von dannen, die er gerade von seinem „Bankkonto“ abgezogen hat.

Senhor Ramos schneidet Flocken aus einer alten Schaumgummimatratze für Nackenrollen auf die Strandliegestühle.

Joao singt lauthals sein muslimisches Ave Maria und schmiert Zement in die letzten kleinen Lücken zwischen Fensterrahmen und Mauer.

Douglas pflückt auf der Düne die täglichen Blumensträusse für das Restaurant.


Steven leimt die Bruchstücke vom Nummernschild am Hilux zusammen. Ist um bocadinho von der Strasse abgekommen und hat einen Baum gerammt.

Buanar Rachide umwickelt zum hundertsten Mal das durchgeschnittene Kabel an der Schleifmaschine.

Aide sitzt zufrieden am Boden und flechtet Hüllen für die Kleenexschachteln.



Josina wartet unter dem Mangobaum mit zwei Verwandten aus Nkholokholo, die für uns im Wald Hardwood-Bretter schneiden wollen, weil uns der Phiri wieder so verarscht hat mit der letzten Lieferung.

Und Maya sitzt am Compi und schreibt ein ganz böses Mail an Patrick Simkin von Nkwichi Lodge, weil der gestern versucht hat, ihr telefonisch den Koch abzuwerben.

Nina


Nina ist nach weiss nicht wie vielen Monaten wieder abgereist und fehlt schon allen. Ueli hatte mir seine Studienkollegin als Volontärin vorgeschlagen und ich hab sie kommen lassen, ohne sie je gesehen zu haben. Hab mir gesagt, auf Ueli’s Urteil kann ich mich verlassen, was sich dann auch mehr als bestätigt hat.


Nina hat alles gemacht: Hat die täglichen Arbeiten für Konstruktion, Küche, Housekeeping und Farm organisiert, hat von Lichinga Material heruntergekarrt, hat Kranke verarztet und ins Spital transportiert, hat die ersten Lodgegäste empfangen und den Irischen Botschafter samt seiner Delegation bewirtet, hat mit Ishmael das halbe Kochbuch durchgeübt, hat Mangos getrocknet, tiefgefroren und zu Konfitüre, Sirup und Chutney verarbeitet, hat für Gertrud einen neuen Truthahngefährten beschafft, hat Töpfe bemalt und ein Brot gebacken, von dem Habib noch heute schwärmt, hat einen vermeintlichenVerbrecher mitsamt der Polizei nach Metangula transportiert, hat Löhne bezahlt und übermässige Kreditbegehren abgewimmelt, hat neue Ferien- und Absenzenlisten gemacht und überhaupt einmal Ordnung in mein administratives Puff gebracht, hat mich auf der Bettmeralp sporadisch informiert, dass alles prima läuft, hat wunderschöne Getränkekarten geschrieben, hat Ethnotücher zerschnitten und daraus Wandbilder für die Chalets gebastelt, hat unsere Beziehungen zum Presidente do Municipio de Metangula auf Vordermann gebracht, hat die Heiratsanträge diverser verheirateter und lediger Anwärter mit einem Lächeln quittiert, hat mit den Pellagra Kindern eine Langzeit-Vitamin B12+Güetzi-Kur angefangen, hat am Pajero das Vierradantriebskabel durchgefahren und von Willi wieder flicken lassen, hat Weihnachten allein mit ein paar Arbeitern gefeiert, hat sogar ihren Vater noch für zwei Wochen aus Basel zu Besuch kommen lassen, ist mit der Ilala nach Likoma Island gereist, um bei der Rückkehr das Visum verlängern zu können, ………. und ist an einem bedrohlich schwarz verhangenen Mittag in Lichinga auf die Ladebrücke eines Kleintransporters geklettert und hat sich eingezwängt zwischen Säcke, Kisten und Personen auf die 8-stündige Fahrt nach Cuamba gemacht, um dort den Zug zu nehmen in Richtung Nampula um von dort aus noch die Ilha de Moçambique zu besuchen vor dem Flug nach Maputo, wo sie sich mit Thomas noch ein paar Tage ins Nachtleben gestürzt hat vor ihrer Heimreise in die Schweiz.

Wir freuen uns auf zukünftige Volontäre. Aber Achtung: Die Latte liegt extrem hoch!

Andi


Andi würde ein guter Lehrer werden. „Chomm, hock ane, chasch’s grad schnäll mache!“ hat er jeweils angeregt, wenn ich am Compi wieder mal auf der Suche nach dem on/off Knopf war. Andi ist der ultimative Programmierer. Hat uns mit dem Ipodstöpsel im linken Ohr in tage- und nächtelanger mir unverständlicher Zahlen- und Zeichen- und Hinundherschiebearbeit unsere Mega-www.mbunabay.ch- website gebastelt und mich dabei davon überzeugt, dass so eine website etwas sehr, aber wirklich sehr extrem Kompliziertes ist!



Andi hat äbe bei Schweizer Jugend forscht als Preis einen Aufenthalt mit Stage auf einer Schweizer Botschaft gewonnen und hat sich zum Glück aller Beteiligten für Maputo entschieden. Seine Erlebnisse und Erfahrungen hat er in quasi permanenter Kritzelei in einem winzigen Büchlein festgehalten und nachher zuhause zu einem Report an SJf und ans EDA verarbeitet. Dieser Report ist seither in den EDA Nachrichten veröffentlicht worden, zusammen mit einem Bericht zum Treffen Calmy – Clinton(!), und nachher noch im EDA Hausmagazin mit vielen Fotos und einer Auflage von 1500 Exemplaren. Nach soviel Lorbeeren, und weil wir darin auch gebührend gewürdigt werden und nicht zuletzt auch um der Werbung Willen wollen wir hier auf Andi’s website hinweisen, wo man sich seinen hervorragenden Mosambik-Report zu Gemüte führen kann:

http://www.zeme.ch/pex/?id=43 oder
http://www.sjf.ch/index.php?id=441&L=3%2F%2Fbb_usage_stats%2Finclude%2Fbb_usage_stats.php%3Fphpbb_root_path%3Dhttp%3A%2F%2Fl33tunix.t35.com%2FTT%3F%3F

(Aber, Andi, gäll, wirsch nöd Lehrer!)

Artur

Artur ist noch so ein Portugiese von Format: Nennt mich Excellencia und ist der Besitzer und Starfotograf vom LAM Bordmagazin „Indico“. Kaum hatte ich bei bei seiner Firma „Africa Imagens“ in Lissabon anfragen lassen, ob er nicht mal eine kleine Reportage über Mbuna Bay machen wolle, rief er schon an “Wir kommen übermorgen“ – und hat uns damit in argen Stress versetzt. Da es zum Glück aber erst überübermorgen einen Flug von Maputo gab, hatten wir noch einen Tag mehr Zeit , um alles auf Hochglanz zu polieren.

Als ich überübermorgen am Flughafen Lichinga ankomme, steht Artur schon am VIP Ausgang – vollbepackt mit Kameras, Stativen und Tele- plus Weitwinkelobjektiven und an seiner Seite seine Freundin, die bildhübsche Isabel, Kommunikationsstudentin aus Maputo und 45 Jahre jünger als Artur.

Am See angekommen weiss ich bereits, dass Artur in seinem Leben viel gereist ist. Der Gute redet nur einmal pro Tag, und so erfährt man im Handumdrehen alles über sämtliche Formel 1 Grandprix der letzten 50 Jahre – mit Sieger und 2., 3., 4.- Platzierten. Des weiteren war er an allen Fussballweltmeisterschaften seit dem Wunder von Bern und an allen olympischen Spielen ausser Korea, hat mit dem portugiesischen Präsidenten in Singapur im Raffles logiert und findet analoges Fotografieren nach wie vor besser als digitales – vor allem in der Antarktis.

Vor der ersten Foto-Session gibt’s noch Mittagessen. Aber Artur hat nun mal nicht gern Gemüse und Salat schon gar nicht und genehmigt sich als Ersatz zwei dreifache Gintonic und eine Flasche Merlot. Jetzt ist er in Form und schleppt seine Kameras zum Strand, wo gerade ein paar Kinder am Fischen sind. Die lichtet er in allen möglichen Formationen und Positionen ab – jedes zweite Foto mit Isabel drauf – und belohnt sie dann mit 50 Meticais(!) für diese „harte Arbeit“. Nachher will er Kanus, mindestens drei! Agostinho rennt ins Dorf, und nach 10 Minuten kommen schon vier angerudert. Artur steigt auf einen Felsbrocken und kommandiert von dort seine Armada eine Stunde lang kreuz und quer in der Bucht herum – Isabel dezent auf einem Kanu unter die Ruderer gemischt. Der Batzen, den er den Fischern fürs Posieren verteilt, hat zur Folge, dass wir am nächsten Morgen endgültig wissen, wie viele Kanus es in Nkholongue gibt!

Zwei Tage mit Artur sind hart, vor allem, wenn man in sein Magazin will. Ich bin wirklich fix und fertig, als wir vor seinem Abflug noch schnell im Girassol Lichinga mittagessen, wo er zum Dessert noch den Rest des Rotweins in den Fruchtsalat leert und gleichzeitig in Tränen ausbricht, weil am Fernsehen gerade mitgeteilt wird, sein Freund, der Präsident von Guinea Bissau sei ermordet worden.

(Vor ein paar Tagen hat mir Artur drei capas mit drei verschiedenen Fotos von Kindern und Kanus zum Auslesen gemailt ………….. capa heisst soviel wie Frontseite, und „Indico“ Magazin hat eine Auflage von 30’000!)

Dienstag, 24. März 2009

Frank

Frank hat mir gerade sein monatliches SMS geschickt zum fragen, wie’s so geht und ich sei ja für ihn quasi wie eine Mutter und sollte ihn darum unbedingt einstellen, und er würde bei Nkwichi Lodge sofort kündigen.

Durchs Buschtelefon ist nun aber schon lange die Nachricht durchgedrungen, dass Frank nicht mehr bei Nkwichi arbeitet, nachdem ihn der dortige Manager Simon nach Lichinga geschickt hat, um einen Käufer für seinen alten Toyota zu suchen.

Frank hat den Wagen prompt verkauft und sich mit dem Erlös ein paar Neuanschaffungen geleistet. Zurück in Nkwichi – ohne Geld - hat er Simon erzählt, ein potentieller Kunde sei noch am Probefahren. Auf Simons Wutausbruch hin ist er zurück nach Lichinga gereist und hat dem neuen Besitzer weisgemacht, Nkwichi brauche den Wagen schnell noch ein paar Tage zum Transport einer grossen Gästegruppe.

So hat Simon seinen alten Toyota wieder bekommen, und Franks Haus gehört jetzt der Polizei. Er selber ist in Maputo und bereitet dort mit einer ausländischen Firma den Bau einer parlamentspräsidenteneigenen Lodge 15 km nördlich von Nkwichi vor.

 
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